Die Gefahr ist Alltag

Risikojob Straßenwärter: Im Einsatz für freie Fahrt.

 

19.12.2016

In Deutschland sorgen rund 30.000 Straßenwärter für eine freie und sichere Fahrt. Die Männer – und einige wenige Frauen – in orange müssen sich dafür manches Mal mitten in dichten Verkehr und häufig in Lebensgefahr begeben. Wir haben die Straßenwärter der Autobahnmeisterei in Sankt Augustin nahe Bonn bei der Arbeit begleitet.

Wenn Rudolf Oberhäuser aus seinem Streckenfahrzeug steigt, ist er nur einen Schritt von der tödlichen Gefahr entfernt. Viele Male am Tag. Der 54-Jährige ist Straßenwärter auf den Autobahnen bei Bonn. Tausende Autos und Lastwagen jagen alle paar Sekunden mit hoher Geschwindigkeit dicht vorbei, während seine Kollegen und er auf dem Seitenstreifen ihre Arbeit machen. Der mächtige Luftsog der vorbeidonnernden Fahrzeuge auf der viel befahrenen A 3 rüttelt sie durch. Angst hat der groß gewachsene Mann nicht. „Aber wir sind äußerst wachsam. Man darf auf dem Arbeitsplatz Autobahn niemals nachlässig werden mit der Sicherheit“, sagt Oberhäuser. Seiner Frau muss er jeden Morgen versprechen, abends wieder heil nach Hause zu kommen.

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David gegen Goliath: Für Straßenwärter kann ein falscher Schritt den Tod bedeuten.

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Drahtseilakt: Kolonnenführer Rudolf Oberhäuser beim Einrichten einer Wanderbaustelle.

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Heute stehen für die Straßenwärter Mäh- und Kehrarbeiten auf dem Programm.

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Auch die Gullys werden gereinigt, während der Verkehr vorbei donnert.

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Jeder Einsatz wird in der Autobahnmeisterei gründlich vorbereitet.

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Und trotzdem kann es mal brenzlig werden, zum Beispiel hinter einer Kurve.

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Teamwork am Arbeitsplatz Autobahn: „Jeder muss sich auf den anderen verlassen können."

Früh am Morgen ist Einsatzbesprechung in der Autobahnmeisterei in Sankt Augustin. Ein trüber Tag, nasskalt, Sprühregen, schlechte Sicht. Auf der Agenda der siebenköpfigen Kolonne stehen Mäh- und Kehrarbeiten an der A 560. Jeder weiß, was er zu tun hat. Die Männer können sich blind aufeinander verlassen. „Das ist bei der Arbeit auf einer stark befahrenen Autobahn lebenswichtig. Jeder passt auf den anderen auf“, erklärt Oberhäuser. Die Kolonne rückt aus: Ein Lkw mit Arbeitsgerät, die Kehrmaschine mit Vorbaubesen und Schmutzsauger, der Unimog mit dem Auslegerarm zum Mähen und Schneiden. Die Mannschaft trägt ihre reflektierende Schutzkleidung in der Signalfarbe Orange.

Das Risiko eines Arbeitsunfalls ist für Straßenwärter 13 Mal höher als in anderen Gewerben.

Zwei Vorwarner-Fahrzeuge weisen den Verkehr in Abständen schon weit im Voraus auf die Wanderbaustelle hin. Sie transportieren die Tafeln mit dem blinkenden Pfeil, der eingezogenen Spur und der Tempovorgabe. „Wir errichten einen Geschwindigkeitstrichter von 100 auf 80 und manchmal auf 60 km/h, damit die Autofahrer frühzeitig runter vom Gas gehen“, erklärt Stefan Leibig, Chef der Autobahnmeisterei Sankt Augustin. An seiner Bürowand hängen Aufbaupläne für bewegliche Baustellen.


Viele hielten sich aber nicht an das Limit, stellt er resignierend fest. Manche Autofahrer seien schon mit 160 Sachen durch die Baustelle gerast. In 20 Jahren sind allein in NRW 18 Mitarbeiter bei schweren Unfällen ums Leben gekommen, mehr als 450 wurden verletzt. Das Risiko eines Arbeitsunfalls ist für einen Straßenwärter 13 Mal höher als in anderen Gewerben. Um Unfälle zu vermeiden, absolviert das Betriebspersonal regelmäßig eigens für Lehrgänge entwickelte „Risikoparcours“.

Lastwagen rast in die Arbeitertruppe – ein Kollege stirbt

2002 geschah jener Unfall, der die Männer gedanklich bis heute nicht loslässt: Die Arbeiter waren gerade dabei Fugen auf der Fahrbahn auszugießen – ihre Baustelle vorschriftsmäßig abgesichert durch zwei Vorwarner-Fahrzeuge, Absperrbaken, Warntafeln, Blinkpfeile, LED-Blitze und gestreifte Leitkegel. Bernd Kohnen, damals 33 Jahre alt, bediente zusammen mit einem Kollegen den Kesselwagen mit dem 200 Grad heißen Fugenmaterial, als plötzlich ein Lastwagen in die Tagesbaustelle raste. Kohnens Kollege hatte keine Chance: Er wurde von dem kochenden Fugenbrei übergossen und starb.


Bernd Kohnen selbst blieb äußerlich unverletzt, erlitt aber einen schweren Schock. Es war der bisher schlimmste Tag in seinem Berufsleben. Auch wenn Kohnen beim Erzählen wie jemand wirkt, den nichts aus der Bahn wirft: Der Unfall hat ihn sensibler gemacht. Nach sechs Wochen kämpfte er sich wieder in den Arbeitsalltag. „Man guckt sich dann noch öfter um und sichert alles dreimal ab“, sagt er heute. „Der Dachdeckerberuf ist ja auch gefährlich, man kann vom Kirchturm fallen. Wir sind eben täglich dem Risiko ausgesetzt, überfahren zu werden.“

Straßenwärter: Voller Einsatz für freie Fahrt

Straßenwärter, das sind deutschlandweit 30.000 Männer – und einige Frauen – in orange, die im Auftrag der Straßenbaubetriebe für freie Fahrt sorgen: Sie reparieren Fahrbahnschäden, bergen herabgefallene Ladung, räumen zerfetzte Reifen, Steine, Kanthölzer, Metallteile und Äste weg. Dafür sprinten sie in die kurzen Lücken, die der Verkehr lässt, und setzen jedes Mal ihr Leben aufs Spiel.

Ein Job, der Respekt verdient

Zu den Aufgaben zählt auch das Mähen der Grünstreifen jenseits und in der Mitte der Fahrbahnen, Gehölzschnitt und das Reinigen der Verkehrsschilder. Die Männer säubern die Rastplätze, kehren die Fahrbahnränder, befreien Gullys von Laub und Dreck, entfernen Graffitis.

Das alles ist zum Vorteil der Verkehrsteilnehmer, aber für viele sind wir die Buhmänner.

„Das alles ist zum Vorteil der Verkehrsteilnehmer“, sagt Kolonnenführer Rudolf Oberhäuser. „Und trotzdem bekommen wir oft den Unmut der Autofahrer zu spüren, denen es nicht schnell genug geht.“ Die Arbeitspläne berücksichtigen die Zeiten hohen Verkehrsaufkommens, um einem Chaos im Berufsverkehr vorzubeugen. Aufgeregte Gesten, Pöbeleien, Brüllen aus dem Fenster, Hupen und Mittelfinger im Vorbeifahren – all das hat dennoch zugenommen und erschwert die Arbeit. „Wir sind für viele die Buhmänner, die Frust und Hektik abbekommen. Aber wir wollen den Autofahrern nichts vorschreiben, sondern für reibungslosen Verkehr sorgen.“


Ohne die Straßenwärter würden Böschungen zuwuchern, Abflüsse überlaufen. Abfall und Tierkadaver blieben liegen und Schlaglöcher offen. Die Männer arbeiten in Schichten rund um die Uhr, ständig eingehüllt in eine Wolke aus Lärm und Abgasen, und mit der Gefahr des vorbeirauschenden Verkehrs im Nacken. Einzig der Winterdienst bringt ihnen Anerkennung: „Wenn die Leute sehen, dass wir streuen, sind sie dankbar und zeigen das oft auch durch Freundlichkeit“, erzählt Oberhäuser. In einem strengen Winter hatte vor Jahren einmal ein Wurstfabrikant aus Dankbarkeit die ganze Mannschaft mit Aufschnitt versorgt.

Manchmal hilft nur der rettende Hechtsprung

Zurück auf der Autobahn: Beim Einsatz in der unübersichtlichen Kurve einer Auffahrt kommt es plötzlich zu einer heiklen Situation. Die Autofahrer treffen jäh auf das Ende der Einsatzkolonne, hinter der einer der Männer als Schlusslicht mit einer Warnfahne geht. Der vordere Teil der Truppe hat die Autobahn bereits erreicht und warnt den vorbeifließenden Verkehr. Die Auffahrenden sollen sich dort nun einfädeln. Das erfordert Besonnenheit und Rücksichtnahme. Ein junger Mann hupt im Vorbeifahren wild und hebt verständnislos die Arme. Die Vorsicht der Straßenwärter gilt vor allem solchen Autofahrern – die rücksichtslos keine Verzögerung tolerieren, sondern nur an ihr eigenes Fortkommen denken. Ungeduld, Drängeln, Nötigen – das werde leider immer drastischer, sagen die Männer.


Viele Menschen seien während der Fahrt abgelenkt durch Handys, Laptops, Fernsehen und sogar Zeitunglesen am Steuer. Manche bewegten das Lenkrad dabei mit dem Oberschenkel. Mancher Außenspiegel ist schon abgeflogen, weil jemand die Kontrolle verlor und die Fahrzeuge der Kolonne streifte. Etlichen Kollegen ist auch schon passiert, dass sie sich erst in letzter Sekunde mit einem Hechtsprung hinter die Leitplanke in Sicherheit bringen konnten.


Heiko Kirschbaum hat von der erhöhten Fahrerkabine seines Unimog den Überblick. Der Mäharm raspelt jenseits der Schutzplanke Gras und Sträucher ab. Dreimal muss der 41-Jährige die Strecke abfahren, bis der Grünstreifen auf drei Metern gemäht ist. Ein Kollege geht mit dem Freischneider hinterher und stutzt die Reste. Kirschbaum behält ihn und den nachfolgenden Verkehr per Kamera ständig im Blick. Er achtet aber auch auf den Mäher, denn an den Grünstreifen finden die Arbeiter die sonderbarsten Sachen: Kühlschränke, Schuhe, Flaschen, Helme – und zur Winterzeit verstärkt Diebesgut und Handtaschen, die auf Adventsmärkten geklaut, geplündert und während der Flucht aus dem fahrenden Auto geworfen wurden. Fassungslos ist Heiko Kirschbaum, wenn er Gaffer sieht, die bei Unfällen mit dem Handy filmen und die lebensnotwendigen Rettungsarbeiten behindern.


Straßenwärter müssen für ihren Job seelisch robust sein und nervenstark, da sind sich die Männer einig. Sonst könnten sie sich nicht täglich auf die Herausforderung einlassen. „Aber dafür ist die Arbeit abwechslungsreich, wir haben ein super Team und sind viel draußen“, beschreibt Rudolf Oberhäuser, warum er sich 1977 für den Job entschied. An irgendeinem Schreibtisch im Büro hocken – das wollte keiner von ihnen. Was sie sich wünschen von den Autofahrern? „Die sollten mal überlegen, dass wir für sie im Dienst sind“, sagt Kirschbaum. Sein Kollege Cedric Desart, ein 26-jähriger Berufskraftfahrer, meint: „Alle sollten einfach zehn Minuten eher losfahren. Die Leute haben ja heute keine Zeit mehr.“ Kolonnenführer Rudolf Oberhäuser findet: „Deutsche Autofahrer sollten sich mehr entspannen. Und besonders bei schlechten Wetter- und Sichtbedingungen müssten sie sehr viel achtsamer sein.“

Fotos: Lucas Wahl